Foodydo: Wer oder was beeinflusst unser Essverhalten?
Wer oder was beeinflusst unser Essverhalten? Es gibt zahlreiche innere und äußere Faktoren, die unsere Essens-Entscheidungen beeinflussen. Wir beleuchten, welche Faktoren unser Handeln bestimmen.
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Wer entscheidet, was wir essen

Menschen sind verschieden, aber essen müssen wir alle. WAS wir essen entscheiden wir selbst. Oder doch nicht? Wir von foodydo sind angetreten mit der Annahme, dass wir mit mehr Wissen gesündere Essens-Entscheidungen treffen. Aber … stimmt das überhaupt? Wer oder was beeinflusst unser Essverhalten: (Ernährungs-)wissen, Bauchgefühl, Diät-Ratgeber, das Angebot im Supermarkt-Regal, geschicktes Marketing oder die Kekse unserer Kindheit?

An dieser Stelle stellen wir unsere Annahme auf den Prüfstand und ergründen, wer oder was die Signal-Knöpfe für Essen in unserem Körper drückt.

Der Geist ist willig

Rund 20.000 Entscheidungen trifft ein Mensch täglich. Klar, dabei beanspruchen wir unsere grauen Zellen.

Auch bei der Auswahl unserer Lebensmittel gehen wir davon aus, dass wir rational entscheiden. Schließlich sind wir gesundheitsbewusst, Essen ist inzwischen ein Lifestyle-Statement und wir sind einigermaßen gut mit Infos versorgt. Dazu gibt es schließlich eine Menge Ratgeber, Blogs, Zutatenlisten auf Verpackungen, Listen mit Inhaltsstoffen in jeder Bäckerei, Ernährungs-Ampeln und Kalorientabellen.

Allerdings ist es so: von der Vorstellung, dass der Mensch ein vorwiegend rationales Wesen ist, können wir uns verabschieden! Der Psychologe Gerd Gigerenzen vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung erklärt es im Interview in der Zeitschrift „Das Gehirn“ so: „Menschen treffen Entscheidungen – und jetzt sage ich etwas Radikales, gerade für uns Ökonomen – meistens, ohne Nutzen und Wahrscheinlichkeiten zu berechnen.“ (Quelle: https://www.dasgehirn.info/denken/emotion/verstand-gegen-gefuehl)

Das könnte erklären, warum einerseits das Gesundheitsbewusstsein in Deutschland in den letzten Jahren zugenommen hat, es beim Verhalten aber ganz anders aussieht. (Krüger et al., Ernährungsumschau 1/2014). Wir wissen also viel, entscheiden aber trotzdem unvernünftig?

Die Tyrannei der Wahl

Jep, und es kommt noch dicker. Wir entscheiden nicht nur „nicht rational“. Wir sind auch mit der großen Entscheidungsfreiheit, die unsere Zeit mit sich bringt, überfordert. Die große Auswahl macht uns sogar unglücklich.

Wir erliegen der „Qual der Wahl“ oder – wie manche Wissenschaftler es ausdrücken „der Tyrannei der Wahl“. 

Ein anschauliches Experiment dazu führte der niederländische Sozialwissenschaftlers Ap Dijksterhuis durch. Er ließ Probanden einen Autokauf planen. Gab es nur 4 Qualitätskriterien, entschieden die Probanden besser, als wenn es 12 Kriterien zu berücksichtigen galt. Mit dieser Vielfalt waren sie überfordert und trafen letztlich eine schlechtere Entscheidung.

Warum uns zu viel Auswahl unglücklich macht, ist nicht eindeutig geklärt. Was aber bekannt ist: wenn ein Mensch rational über ein Problem nachdenkt, Vor- und Nachteile abwägt oder seine Zukunft plant, dann benutzt er dafür die vordere Stirnhirnrinde, den präfronalen Cortex. Bei Entscheidungen, bei denen es sehr viele verschiedene Faktoren zu berücksichtigen gilt, ist das Arbeitsgedächtnis nachweislich überfordert. (Quelle: https://www.dasgehirn.info/denken/emotion/verstand-gegen-gefuehl)

Aber wenn es nicht der Verstand ist, wer sagt dann unseren Füßen, ob sie in Richtung Pommesbude oder zum Obst-Stand laufen?

Das Herz hat seine Gründe, von denen der Verstand nichts weiß“

Was der Mathematiker und Physiker Blaise Pascal schon im 17. Jahrhundert vermutete, gilt heute in Bezug auf die Entscheidungsfindung als wissenschaftlich anerkannt : rund 80% unserer Essens-Entscheidungen laufen unbewusst ab. Affekte und Gefühle geben den Ton an.

Professor Christoph Klotter, Professor für Ernährungspsychologie in Fulda, äußert im Interview mit der Zeitschrift Geo: „Wenn es ums Essen geht, unterliegt dieser mündige Bürger meistens einem älteren, viel mächtigeren Teil unseres Selbst, nämlich dem limbischen System – einem Teil des Gehirns, in dem Wünsche, Triebe, Gefühle entstehen.“

Dieses System ist ganz und gar auf Belohnung programmiert. Menschen können sich mit den verschiedensten Dingen belohnen, aber Essen passt den meisten von uns gut ins Belohnungs-Schema: unkompliziert und quasi immer und ohne große Anstrengung verfügbar. (Quelle: GEO WISSEN Ernährung, Nr. 01/2016, Gesundes Essen.)

Essen als „Emotionsmanager“ und Überlebensgarantie

Aber Essen zielt nicht nur auf unser inneres Belohnungs-System. Nahrung bezeichnet Professor Klotter als starken (und meist völlig unbewussten!) „Emotionsmanager“: Belohnung nach Anstrengung, Trost nach Frust, Ablenkung von Wut, Verstärkung der Feierlaune, Beruhigung bei Stress und die Liebe geht bekanntlich auch durch den Magen.

Das Wohlbefinden wird durch Nahrung unglaublich stark gehoben. Wir können unsere Gefühle über das Essen beeinflussen.

Zudem läuft in uns allen ein genetisches Programm des Überlebens, das bestens auf unser Belohnungssystem abgestimmt ist. Die Befehle dieses urzeitlichen Programms lauten: Iss so viel du kannst, und zwar möglichst Fettes und Süßes! Das machte Sinn in Zeiten des „Jagens und Sammelns“, in Zeiten der „Pizza oder Pasta“ führt es zu allseits bekannten Problemen. 

Einflussfaktoren auf die Lebensmittel-Auswahl

Wer oder was beeinflusst denn nun unser Essverhalten? Gefühle, genetisches Überlebensprogramm und Verstand sind nur drei Faktoren, die unsere Essens-Entscheidungen beeinflussen. Es gibt zahlreiche andere:

1. Innere Signale

Hunger und Sättigung, Hormone
Emotionen, limbisches System
Evolutionäres Programm

2. Äußere Signale

Sehen Farben steigern unseren Appetit. Supermärkte sind so konzipiert, dass das Visuelle uns in gewünschte Richtungen lenkt. Man isst, was man sieht, z.B. die Kekse auf dem Schreibtisch
Riechen ich liebe Waffeln, also zieht mich der Geruch an.
Hören Chips müssen krachen...
Erfahrungen Nahrungsvorlieben entstehen zu einem großen Teil allein durch Kontakt und Erfahrung mit bestimmten Speisen.
Kultur und Tradition Plätzchen in der Weihnachtszeit, Kekse zum Kaffee, Braten bei Oma, Würstchen im Stadion
Gewohnheiten morgens erstmal eine Tasse Kaffee
Verpackungsgrößen bzw. Portionsgrößen wir essen mehr, wenn uns jemand die XL-Version vorsetzt
die Größe des Tellers
je größer der Teller, desto mehr essen wir
die Abwechslung auf dem Teller
je eintöniger das Essen, desto weniger essen wir. Ein Dessert passt auch nach einem üppigen herzhaften Menü noch rein
Gesellschaft, bzw. die Anzahl der Menschen, mit denen wir zusammen essen Mit 7 vertrauten Menschen um uns herum essen wir doppelt so viel, als wenn wir allein wären!
Geld
das ist günstig, das kaufe ich
Angebotslage das gibt es heute in der Mensa, das esse ich

3. Bewusste Entscheidungen

Dazu zählen alle bewusst vorgenommenen Maßnahmen zur Steuerung des eigenen Essverhaltens.

die Entscheidung für einen bestimmten Lebensstil (z.B. Veganer)
die Auswahl von Lebensmitteln nach ihrem ernährungsphysiologischen Wert oder nach der Anzahl ihrer Kalorien.

Je nach Alter beeinflussen uns diese drei Komponenten unterschiedlich stark. Beim Säugling bestimmen vor allem innere Signale die Nahrungsaufnahme. Ist das Baby satt, der Hunger gestillt, dreht es den Kopf zur Seite. Je älter wir werden desto mehr gewinnen die äußeren Einflüsse und die durchdachte Entscheidung an Bedeutung. (Quelle: Volker Pudel, Joachim Westenhöfer (2003) Ernährungspsychologie, Eine Einführung)

Ist Wissen machtlos gegen Pommes?

Mt dieser Frage sind wir angetreten: Führt mehr Ernährungswissen zu besseren Essens-Entscheidungen? Die klare Antwort: Wir wissen es leider nicht. Zahlreiche Faktoren bestimmen unsere Entscheidungen und das Wissen ist nur ein kleiner Teil unserer Steuerung.

Allerdings, Professor Klotter setzt einen Funken Hoffnung auf den Faktor Wissen: „Da das evolutionäre Programm so mächtig ist, müssen wir uns vielmehr darüber wundern, dass nicht alle Mitbürger fettleibig sind. Einerseits hat das Phänomen sicher damit zu tun, dass Maßlosigkeit, Völlerei auch heute noch mit Sünde in Verbindung gebracht wird. Andererseits lässt möglicherweise ein immer breiteres Wissen um gesunde Ernährung viele Menschen eben doch Grenzen erkennen. Vielleicht ist dies dann tatsächlich ein kleiner Sieg der Ratio über das Unbewusste.“

Fazit

80 Prozent der Essens-Entscheidungen laufen unbewusst ab.

Es gibt zahlreiche Signale unseres Körpers und eine Menge äußerer Faktoren, die die Knöpfe für die Essensauswahl bei uns drücken.

Essen bedient unser Belohnungssystem und beeinflusst unser Gefühlsleben. Ganz sicher geht es beim Essen nicht ohne Gefühl (ein Glück!).

Wissen wie unser Körper tickt und wie verschiedene Reize auf uns wirken, ist sicher hilfreich, um die ein oder andere „Falle“ oder Verhaltensmuster zu erkennen. Es ist die Grundlage, um bewusste Entscheidungen zu treffen. Genau wissen wir es aber nicht, mehr Forschung ist nötig.

In diesem Sinne, wir bleiben dran am Ernährungswissen.

Wir sind gespannt, wie ihr den Einfluss der verschiedenen Faktoren seht. Was wir für mehr gesunde Entscheidungen tun können. Oder vielleicht kennt ihr neuere Studien, die wir teilen sollten? Schreibt uns gerne, wir sind gespannt!